Legt den Eisberg frei

Legt den Eisberg frei!

 

Manchmal bin ich mir einfach nicht ganz sicher, was die meisten Leute über Blasmusikvereine und die Musikerinnen und Musiker darin so denken.

Manchmal glaube ich, dass viele gar nicht wirklich wahrnehmen, was sich zum Beispiel alles hinter dem fröhlichen Spielen eines "einfachen" Fastnachtliedes verbirgt. Damit der Anton aus seinen Tiroler Bergen bei einem Fastnachtumzug erklingen kann, muss nämlich viel mehr geschehen, als "nur" ein paar Musikerinnen und Musiker zusammenzutrommeln. Das Zusammentrommeln ist nur die Spitze des Eisbergs und die ist eigentlich schon kompliziert genug, oder?

Wenn keine Musiker sondern eine locker zusammengewürfelte Gruppe von Gleichgesinnten beim Fastnachtzug mitmachen will, kleidet sie sich in lustige Kostüme die jeder selbst kauft oder herstellt, nimmt ein paar Getränke mit und läuft mit einem herzerfrischenden "Hellau!" oder „Allaaf!“ auf den geschminkten Lippen die vorgegebene Strecke ab.

Ist schnell organisiert, kommt gut, macht Laune, kostet wenig und hat wegen des Event-Charakters bleibenden Erinnerungswert.

Wenn diese Gruppe von Gleichgesinnten aber dabei Musik machen will...nun, schauen wir uns doch einfach mal an, was dann so passieren würde...

Stellen wir uns vor, unsere Gruppe besteht aus 30 Personen. Das heißt, wir kaufen zuerst einmal entsprechend viele Instrumente in  m i t t l e r e r  Preislage:

Vielleicht eine Tuba (4000 Euro), drei Posaunen (je 1000 Euro), fünf Trompeten (je 700 Euro), zwei Waldhörner (je 1800 Euro), zwei Eufonien (je 1600 Euro), zwei Alt-Saxophone (je 1200 Euro), zwei Tenorsaxophone (je 1400 Euro), sechs Klarinetten (je 900 Euro), vier Flöten (je 900 Euro), eine Snare-Drum (300 Euro), eine Basstrommel (600 Euro) und schliesslich noch Becken (250 Euro). Alles in allem sind das jetzt ca. 30.000 Euro.

Na prima, alle Instrumente sind da...aber noch kann sie keiner spielen...Au weia!

Auch kein Problem. Jeder von unseren dreissig Gleichgesinnten nimmt einfach Musikunterricht. Erstmal nur 2 Jahre, das soll genügen. Die nächsten beiden Fastnachtumzüge werden dann halt noch mit den schon erwähnten lustigen Kostümen und noch ohne Musik durchgeführt. Der Musikunterricht wird an der Musikschule erteilt. Für die wöchentliche 45 Minuten-Stunde Einzelunterricht wird pro Jahr etwa 816 Euro bezahlt. Zwei Jahre Unterricht kostet pro Person 1632 Euro, das sind dann für insgesamt dreissig Leute ca. 50.000 Euro.

Dazu kommen noch Notenständer, Notengabel, Stimmgerät, Metronom, Noten, Blätter, Mundstücke, Reparatur und Wartung der Instrumente, Zeit für Einzelproben, Zeit für Satzproben, Zeit für Gesamtproben.

Dazu kommt noch das Besorgen und Erhalten eines großen Proberaums, die Kleidung und viele Dinge die ich einfach vergessen habe hier aufzuschreiben.

OK, das ist jetzt nicht alles nur für zwei Stunden Fastnachtmusik. Aber unter anderem halt auch dafür.

Und irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass wir alle:

 

·         mehr über Musik (Theorie, Geschichte, Musikstile usw.) wissen

·         mehr Zeit fürs Üben aufwenden (Einzelproben, Satzproben, Orchesterproben)

·         mehr Geld für unser Hobby investieren (Instrumente, Wartung für Instrumente, Noten, Zubehörteile usw.)

·         mehr für musikalische Ausbildung aufwenden (Einzelunterricht, Gruppenunterricht, Seminare, Workshops etc.)

 

als in der breiten Öffentlichkeit bekannt ist.

 

Deshalb dürfen wir es nicht bei der Spitze des Eisbergs belassen, sondern wir müssen ihn langsam und behutsam freilegen.

Damit jeder deutlich erkennen kann, mit welcher Leistung er es eigentlich zu tun hat.



Jürgen K. Groh